Ungarn zensiert Lou Reed

5.1.2011 – Die ungarische Medienaufsicht will das öffentlich-rechtliche Kossúth-Rádió für die Ausstrahlung des fast vierzig Jahre alten Popklassikers „walk on the wild side“ bestrafen. Es ist bereits das zweite Verfahren seit Inkrafttreten des neuen, international kritisierten Mediengesetzes zum Jahreswechsel. Vor wenigen Tagen wurde bereits der Kultsender Tilos Rádio wegen der Ausstrahlung eines Songs von US Rapper Ice-T auf die Prüfliste gesetzt.

Lou Reed steht in Ungarn auch auf dem Index

Im englischen Songtext des Lou Reed-Klassikers heißt es: „Candy came from out on the island, in the backroom she was everybody’s darling. But she never lost her head even when she was given head”. Insbesondere die letzten beiden Vokabeln erzürnen Annamária Szalai, ehemalige Chefredakteurin des Erotikmagazins Miami Press und heute Ungarns oberste Medienzensorin. Zudem sei am Songende von Valium die Rede. Das alles sei nicht jugendfrei und dürfe deshalb nicht vor 21 Uhr ausgestrahlt werden, so die Chefin der Medienbehörde NMHH.

Szalai betonte, dass bereits 16jährige solche umgangssprachlichen Formulierungen verstünden und dadurch in ihrer Entwicklung schädlich beeinflusst würden. Dies nahmen die Jungen Konservativen Ungarns, eine Art Junge Union, zum Anlass, die Bevölkerung öffentlich dazu aufzurufen, der NMHH alles zu melden, was sie für werte- und familienschädlich erachteten.

Der nach dem ungarischen Freiheitskämpfer Lajos Kossúth benannte Radiosender hatte bereits am 21. Dezember Aufsehen erregt, als der Moderator Attila Mong eine Schweigeminute gegen das neue Mediengesetz eingelegt hatte und dafür prompt entlassen wurde. Der Sender soll im Laufe diesen Jahres mit allen anderen öffentlich-rechtlichen Medien verschmolzen werden und wird seine eigene Redaktion an eine große Zentralredaktion verlieren.

Hintergrund: Das Kossúth-Rádió ist nach dem ungarischen Freiheitskämpfer Lajos Kossúth benannt. Kossúth war zunächst Landtagsabgeordneter im Preßburger Landtag und kam 1837 für vier Jahre ins Gefängnis, weil er sich der damaligen Pressezensur nicht beugen wollte und regelmäßige Berichte über die politische Lage veröffentlichte. Später begründete er die revolutionäre Tageszeitung Pesti Hírlap und musste sein Mandat vollständig abgeben. Er gilt heute als treibende Kraft hinter der ungarischen Märzrevolution 1848, in der die Unabhängigkeit Ungarns erkämpft wurde – allerdings nur für wenige Monate. Während die ’13 Märtyrer von Arad‘ hingerichtet wurden, floh Kossúth in die Türkei , schloss sich dem italienischen Revolutionär Giuseppe Garibaldi an und verstarb 1894 in Turin.

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One Response to Ungarn zensiert Lou Reed

  1. Thomas says:

    Klar, Denunziantentum wird gefördert, dann wird Personal aufgestockt, dann gibt es die Zensur-Stasi, als nächstes werden Bücher zensiert und verboten (oder gleich verbrannt).

    Wehret den Anfängen Ungarn!!! Ihr habt diese Regierung zwar gewählt, aber ihr müsst Euch deshalb nicht alles gefallen lassen.

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