Hofberichterstattung: Ungarns TV ist auf Linie

6.3.2011 – Die Regierungsparteien Ungarns profitieren überdurchschnittlich von ihrem eigenen neuen Mediengesetz. In den Hauptnachrichten ungarischer TV-Sender stammen vier von fünf O-Tönen von Vertretern der regierenden Union von Fidesz und KDNP. Die Medienbehörde NMHH sieht dies nicht als Zeichen für mangelnde Ausgewogenheit.

Nach einer statistischen Auswertung der Abendnachrichten aller sechs ungarischen Fernsehsender mit nennenswertem Nachrichtenteil im Zeitraum 21.-28. Februar 2011 ermittelte die Budapester Medienagentur Policy Solutions ein Bild krasser Unterschiede. In den öffentlich-rechtlichen Hauptnachrichten von M1 und Duna-TV beherrschten Vertreter der Regierungsparteien Fidesz und KDNP zu 82 bzw. 83% das Bild. Im Privatsender TV2, einer Tochter der Pro7-Sat1 Media, betrug ihr Anteil gar 84%. Lediglich RTL-Klub hielt sich mit 62% an das in Europa übliche ‚französische Modell‘, wonach die Sendezeiten entsprechend den Wahlergebnissen quotiert werden.

Anteil der O-Töne in ungarischen Abendnachrichten je Partei in positivem/neutralen (+) und negativem Kontext (helle Farbe). Die Regierung (blau) und ihre Parteien Fidesz (orange) und KDNP (d'blau) waren mit 72% überdurchschnittlich präsent (blauer Pfeil). Die oppositionelle MSZP (rot) kam vor allem in negativem Kontext vor. Über die kleinen Parteien Jobbik und LMP wurde nur positiv berichtet. Grafik: stargarten

Bei genauer Betrachtung der Zahlen verstärkt sich das Ungleichgewicht noch mehr zum Nutzen der Regierung. Kritische Berichterstattung über ihre Arbeit und die der Regierungsparteien ist sehr selten – bei den öffentlich-rechtlichen M1 und Duna-TV weniger als 5 Prozent. Dafür wird die oppositionelle MSZP fast nur in einen kritischen Zusammenhang gestellt – bei M1 sogar ausschließlich. Auch hier zeigt nur RTL Augenmaß. Für sie sind die Sozialisten gleich gut und schlecht und die Regierung immerhin zu einem Drittel kritikwürdig.

Erstaunlich ist die Präsenz der beiden kleineren Parteien in den Abendnachrichten des Landes. Die linke LMP, eine Art ungarischer Grüne, ist mit rund sieben Prozent fast doppelt so sichtbar wie ihr Wahlergebnis und verzeichnet keinerlei negative Berichterstattung. Ebenfalls ausschließlich positiv erschien die rechtspopulistische Partei Jobbik mit vier Prozent Sendezeit – das ist allerdings nur ein Drittel ihrer politischen Größe im Parlament, weil sie bei den etablierten Sendern unter Quarantäne steht. Doch für Duna-TV und dem rechtskonservativen Nachrichtensender Hír-TV ist die für Rassenhass und martialische Aufmärsche berüchtigte Partei allemal ein Interview wert.

Politische O-Töne in den ungarischen Abendnachrichten von RTL-Klub, TV2, M1, Hír-TV, ATV und Duna-TV, gewichtet nach Marktanteilen. Kritik an den Regierungsparteien (blau) ist selten, die sozialistische MSZP hingegen hat die Rolle des Sündenbocks übernommen. Grafik: stargarten

Im Durchschnitt aller sechs TV-Sender sind Politiker der beiden Regierungsparteien zu über 70% in den Abendnachrichten zu sehen. Nimmt man die Einschaltquoten aller sechs Sender als Maß der Reichweite hinzu, so ist das Bild für die Regierung perfekt. Sie kann von insgesamt 60% positiver Berichterstattung profitieren, während die zum Erzfeind erklärte oppositionelle MSZP gerade mal 5% der positiven und neutralen Nachrichten verbucht – nicht viel weniger als die Rechtspopulisten und fast nur die Hälfte der kleinen grünen Partei LMP.

Diese Zahlen scheinen eine zentrale Kritik am neuen ungarischen Mediengesetz zu belegen. Wegen der zahlreichen Gummiparagraphen im Gesetz und ihrer drakonischer Strafen haben viele Journalisten bereits früh die Schere im Kopf angesetzt und sich an etablierte Meinungen angelehnt, um nicht aufzufallen und unwissend abgestraft zu werden. Auch die Zusammenlegung aller öffentlich-rechtlicher Sender und der Nachrichtenagentur MTI zu einem entkernten Apparat ohne eigene Redaktion trägt ihren Teil zur Gleichschaltung der Informationen bei. Besonders der Umgang der Sender mit der größten Oppositionspartei MSZP ist auffallend – sie ist der Erzfeind der Regierenden und taucht in der Berichterstattung praktisch nur noch als Sündenbock auf.

Für die ungarische Medienbehörde NMHH ist dies kein Grund zum Einschreiten. Dabei verlangt das jüngst von der EU sanktionierte, international aber weiterhin höchst umstrittene Mediengesetz in §13/2 eine ‚ausgewogene Berichterstattung‘ in jedem einzelnen Medium. Noch im Februar bekräftigte ein NMHH-Vertreter, diese Verpflichtung solle, ähnlich wie in anderen EU-Staaten, streng auf Radio- und Fernsehsender angewendet werden. Stattdessen übernehmen die staatlichen TV-Kanäle ihre alte Rolle als Propagandasender, und neue Privatsender gesellen sich freiwillig hinzu.

So viel Verlautbarungsjournalismus erfreut indes nicht alle Ungarn. Im Verlaufe der letzten 12 Monate sank die Zahl der Zuschauer der Abendnachrichten bei M1 von gut acht auf knapp fünf Prozent.

Advertisements

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: