Nachrichtenfälscher wird Nachrichtenchef

22.4.2011 – Mit einer beispiellosen Falschmeldung lotet Ungarns öffentlich-rechtliches Fernsehen die Möglichkeiten des neuen Mediengesetzes aus. Der verantwortliche Redakteur wird kurz darauf befördert. Die Chronologie einer schmierenjournalistischen Manipulation.

Es ist Freitag, der erste April in Budapest. Die ungarischen Grünen haben zu einer Pressekonferenz geladen, um über das umstrittene Mediengesetz und die zur Debatte stehende neue Verfassung zu informieren. Mit vier Prozent der Sitze im Parlament sind die Grünen in Ungarn weder bedeutend, noch dem Namen nach auszumachen: Sie heißen hier LMP, eine Abkürzung für ‚ Eine andere Politik ist möglich‘. Doch sie haben einen prominenten Gast auf dem Podium: Daniel Cohn-Bendit, Grünen-Fraktionschef im Europaparlament und inzwischen eine Art Lieblingsfeind der ungarischen Regierung ist gekommen, um die Streitgenossen an der Donau zu unterstützen.

Es ist Minute Null der Pressekonferenz. Die Sitzreihen sind gut gefüllt, etliche TV-Teams sind da. Cohn-Bendit sitzt in der Mitte des Podiums, rechts und links von ihm Grünen-Politiker aus Ungarn und der EU. Nach 12 Minuten Eingangsstatements ist Cohn-Bendit an der Reihe, aber er wünscht stattdessen, die Fragerunde zu eröffnen.

In der 19. Minute der Pressekonferenz stellt ein Journalist des ungarischen Fernsehens, dessen Name ungehört bleibt, zwei Fragen direkt an Cohn-Bendit: Warum er ein Problem damit habe, dass die neue Verfassung mit der ersten Zeile der ungarischen Hymne beginne und ob er die sexuelle Belästigung von Minderjährigen zu seinen persönlichen demokratischen Werten zähle.

In den Abendnachrichten des ungarischen Staatsfernsehens M1 ist Cohn-Bendits Visite in Budapest Top- Thema. Die Stimmung ist aufgeladen, die Anmoderation schließt mit der Warnung, der Beitrag könne jugendgefährdenden Inhalt haben. Doch dann sieht man lediglich Archivmaterial, in dem Cohn-Bendit im EU Parlament lautstark über das ungarische Mediengesetz wettert und wie er am Vortag in Budapest die Vorlage der neuen ungarischen Verfassung rüffelt. Schließlich kommt die Pressekonferenz vom Tage ins Bild.

Doch anstatt im Thema fortzufahren, wird ein Zitat aus der 1975 veröffentlichten Autobiographie Cohn-Bendits ‚Der Große Bazar‘ eingeschoben. Darin heißt es: „Es ist mir mehrmals passiert, dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln. […] Aber wenn sie darauf bestanden haben, habe ich sie ebenfalls gestreichelt.“

Nun nimmt der Beitrag Fahrt auf. Im Sprechertext erfährt der Zuschauer, Cohn-Bendit sei bei der morgendlichen Pressekonferenz vom TV-Sender mit der Frage konfrontiert worden, ob er die sexuelle Belästigung Minderjähriger zu den demokratischen Grundwerten zähle. Der Sprecher fährt fort, der Grünen-Politiker habe darauf nichts erwidert, sondern den Raum verlassen. Der Fraktionschef der ungarischen Grünen, András Schiffer, so zeigt es der Beitrag, habe schließlich auf die Frage geantwortet. Der TV-Beitrag schließt, indem er Cohn-Bendits leidenschaftliche Debattierlust und seine Verstrickungen in die Pariser Studentenaufstände von 1968 beleuchtet.

Dieser Nachrichtenbeitrag geht später online und wird die Überschrift tragen: „Cohn-Bendit flüchtet vor peinlichen Fragen in Budapest“. Doch hat es sich wirklich so ereignet? Eine vom Veranstalter ins Netz gestellte, ungeschnittene Videoaufzeichnung der Pressekonferenz zeigt ein völlig anderes Bild – eine mediale Manipulation, die  das Potential zum Standardlehrstoff auf  den Journalistenschulen hat.

Zurück zur morgendlichen Pressekonferenz: Auf die Fragen des M1-Reporters in Minute 19 folgt in Wirklichkeit nicht das Schweigen oder der Abgang Cohn-Bendits, sondern eine dezidierte, drei Minuten dauernde Antwort des Grünen-Politikers auf beide an ihn gestellte Fragen. Zunächst führt er aus, eine historisch entstandene Hymne sei ein Symbol der Vergangenheit, nicht aber einer modernen Gesellschaft. Die Verfassung solle die Demokratie strukturieren, sie solle das Zusammenleben von Mehrheiten und Minderheiten regeln, doch sie sei nicht dazu da, den Lebensstil der Menschen vorzugeben. Dieser sei Privatsache.

Er sei allerdings erstaunt darüber, so Cohn-Bendit weiter, dass mit der Frage nach sexueller Belästigung eine mehr als zehn Jahre alte Debatte nun in Budapest hervorgeholt werde, die doch seit langem vorbei sei. Er habe vor Jahren bekannt, seine Wortwahl sei damals falsch gewesen. Einen Zusammenhang zwischen diesem längst vergangenen und dem aktuellen Thema der ungarischen Verfassung zu konstruieren sei, so Cohn-Bendit, kulturell nicht sehr überzeugend.

Hier ist die Pressekonferenz bei genau 23:25 Minuten angelangt. Erst nach weiteren 25 Minuten Fragen und Antworten zu Medienfreiheit, Fukushima, Atomkraft usw. steht Cohn-Bendit bei Minute 49 auf und verlässt den Raum – offenbar in Absprache mit dem Veranstalter und wie es später heißt, weil er zum Flughafen fahren musste. In den letzten acht Minuten der Pressekonferenz bleibt Cohn-Bendits Stuhl leer.

Zeit und Raum überwunden: Acht Minuten vor Ende der Pressekonferenz verläßt Daniel Cohn-Bendit den Raum – so zeigt es der Videomitschnitt. Im Beitrag von M1 ist er schon 25 Minuten früher weg.

Ob Zufall oder nicht, Cohn-Bendit verlässt den Raum genau in jenem Moment, als der Reporter von M1 eine weitere Frage stellt – diesmal ans Podium allgemein zum Mediengesetz. In diesem Augenblick fängt der Kameramann des Senders den fragenden Reporter und Cohn-Bendits Abgang zeitgleich ein – was später im Beitrag als Flucht des Grünen-Politikers uminterpretiert wird. Genau das suggeriert das Bild, und genau das behauptet der Sprecher des Beitrags – wider besseren Wissens, denn die an Cohn-Bendit gestellte Frage zur sexuellen Belästigung ist 25 Minuten vorher ausführlich von ihm selbst beantwortet worden.

M1 setzt aber noch einen drauf. Um das Thema abzurunden, werden einige ausgesuchte Sätze aus dem Munde des ungarischen Grünenführers András Schiffer an die inzwischen 30 Minuten früher gestellte Frage angeschnitten und als direkte Antwort verkauft. So entsteht ein Beitrag für die ungarischen Hauptnachrichten, in dem nichts mehr stimmt, außer einer konstruierten, aber klaren Botschaft: Der pädophile Grüne Cohn-Bendit, früher Marxist und heute parlamentarischer Schreihals, ist als Kritiker der aktuellen ungarischen Politik unglaubwürdig.

Man mag zu Cohn-Bendit und zu seinen Memoiren stehen, wie man will. Er selbst hat sich diesen Anschuldigungen viele Male gestellt und ausschweifend Stellung genommen. Ein derart entstellender und absichtlich falsch konstruierter Beitrag im öffentlich-rechtlichen Hauptsender ist aber mit nichts zu erklären – außer mit der Tatsache, dass in Ungarn die journalistische Zeitenwende begonnen hat. Denn just am selben Tag trat eine der umfangreichsten Strukturveränderungen des neuen ungarischen Mediengesetzes in Kraft: Die Verschmelzung aller öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten und der staatlichen Nachrichtenagentur unter dem Dach eines Fonds. Und damit die Schaffung einer Zentralredaktion, die alle angeschlossenen Sender fortan nutzen müssen.

Diese bislang wenig beachtete Konsequenz des neuen ungarischen Mediengesetzes ist vielleicht der stärkste Filter, um die veröffentlichten Informationen in Ungarns Massenmedien zu kontrollieren. Dem Fonds wurden praktisch alle Redakteure der ehemaligen Einzelanstalten unterstellt – soweit sie nicht entlassen wurden – sowie sämtliche Immobilien und Budgets zuerkannt. Damit verfügt die Zentralredaktion exklusiv über Stil und Qualität der Berichterstattung, denn die Sender selbst haben nur noch eine Hand voll Personal, um zu bestellen und zu senden, was ihnen geliefert wird.

Damit sich in der Zentralredaktion keine unerwünschte Meinungsfreiheit entwickelt, wurden die leitenden Positionen nach und nach mit parteitreuen Kadern der regierenden Fidesz bestückt. Das Sahnestückchen dieser Rochade: Genau eine Woche nach Ausstrahlung des Beitrags über Cohn-Bendit wurde der verantwortliche Redakteur des Beitrags, der 32 Jahre alte Dániel Papp, zum Chefredakteur der Hauptabteilung Nachrichten und Hintergrund der übermächtigen Zentralredaktion ernannt. Der servilen Hofberichterstattung sind in Budapest nun keine Grenzen mehr gesetzt.

Originalquellen:
TV-Beitrag von M1 online
Videomitschnitt der Pressekonferenz

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