MTI: der Regierung loyal ergeben

4.8.2011 – Seit zwei Wochen gibt die ungarische Nachrichtenagentur MTI einen gefilterten Pressespiegel heraus. Der erste Sündenfall trifft ausgerechnet die Süddeutsche Zeitung.

Der am Dienstag erschienene Beitrag des SZ-Journalisten Alex Rühle wirbelt Staub auf in Budapest. Mehrere Tageszeitungen und Blogs veröffentlichten Auszüge und Zitate aus seinem Artikel ‚Es lebe China! Vergesst Europa!‘. Gestern hat sich nun auch die ungarische Nachrichtenagentur MTI den tausend Worte umfassenden Text vorgenommen und für ihren täglichen Pressespiegel zusammengefasst – in fünf ganz und gar unzureichenden Sätzen.

Als ‚erschreckend und empörend‘ bezeichnet die Amerikanische Népszava, eine seit 1891 in New York herausgegebene ungarische Tageszeitung, wie die MTI die ‚Berichterstattung über Ungarn verdreht‘ und damit sowohl die Presse wie auch ‚die Öffentlichkeit täuscht‘. In ihrer Online-Ausgabe schreibt sie, die ungarischen Medien würden diese ‚manipulative und betrügerische Zusammenfassung‘ kritiklos übernehmen – wenn Sie überhaupt berichteten.

Ziel der Kritik ist die erst vor wenigen Wochen eingeführte neue Praxis der MTI, Beiträge ausländischer Medien über Ungarn nicht mehr im Original oder in Einzelmeldungen anzubieten, sondern in kurzen Textschnipseln zusammenzufassen. Dies soll die Arbeit der Redaktionen erleichtern, öffnet aber auch der Zensur Tür und Tor. Die MTI ist heute Teil der zur Zentralredaktion MTVA verschmolzenen öffentlich-rechtlichen Medien und beherrscht den ungarischen Nachrichtenmarkt.

Der MTI-Chef Csaba Belénessy hat gut Lachen: Für seine Loyalität gab es jüngst eine saftige Gehaltserhöhung um 47%. Bild: pecsma

Ihr Geschäftsführer Csaba Belénessy verwahrt sich gegen den Einwand. Die neue Praxis des Pressespiegels „verengt und verschweigt nicht“, sagt er im Klubrádió. Wichtige Beiträge würden nach wie vor ausführlich aufbereitet. Kritische Artikel meinte Belénessy damit offenbar nicht, und so hat die Amerikanische Népszava Rühles Artikel in der SZ übersetzt und in voller Länge ins Netz gestellt. Die Onlinekommentare der Leser feiern den kompletten Text, manch einer liest gar Parallelen zur Weimarer Republik heraus: ‚Die Deutschen wissen Bescheid. Genau so ein Mittäter-Schweigen hat Hilter zur Macht verholfen‘, schreibt ‚Gyozo‘.

Mit Kritik an der Regierungspolitik tut sich Belénessy selbst schwer. Vor sechs Wochen unternahm er einen erfolglosen Versuch, seinen Chefredakteur loszuwerden. Dieser hatte am 16. Juni über einen Medienkongress des Ungarischen Journalistenverbandes berichtet und die kritische Wortmeldung von Belénessys Vorgänger Mátyás Vince im Beitrag erwähnt, der die neuen Mediengesetze als „Rückschritt“ bezeichnete. Und Vince sagte auch: „Das MTI soll in erster Linie der Öffentlichkeit dienen, dem Gemeinwohl, und nicht dem Staat“.

Das sieht Belénessy ganz anders. Der seit fast vierzig Jahren journalistisch Tätige aus Pécs in Südungarn stieg langsam, aber stetig nach oben und wurde im Dezember vergangenen Jahres Chef der staatlichen Nachrichtenagentur. Politisch ist der MTI-Chef flexibel geblieben. Er war es, der den Vergleich zwischen Zentralredakion und BBC erfand und ihn sogleich mit den Worten vernichtete, „ein öffentlich-rechtliches Medium soll der Regierung loyal ergeben sein und die Opposition anständig behandeln. Es geht nicht an, dass wir den Posten annehmen, uns aber dem Auftraggeber widersetzen“. Von der Freiheit der Presse hat er nicht gesprochen.

Zuletzt hat Belénessy von sich Reden gmemacht, als sein ohnehin hohes Gehalt, Boni eingeschlossen, auf 2,5 Mio HUF [ca. 9.200€] erhöht wurde. In Ungarn wird dies als Treuegeld verstanden, denn Belénessy gehört zu jener Führungsriege innerhalb der MTVA, die für die aktuellen Massenentlassungen verantwortlich ist. Die Gehaltserhöhung erfolgte wenige Tage vor der hausinternen Entscheidung, sich von Tausend Leuten zu trennen.

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Übersetzter Originaltext des MTI-Pressespiegels zum SZ-Beitrag:

Die liberale Süddeutsche Zeitung hat in einem Beitrag von Alex Rühle mit dem Titel Es lebe China! Vergesst Europa! behauptet, dass Viktor Orbán das Land in ein autoritäres Land umgestaltet, während die EU zuschaut – schreibt der Autor. Nach Meinung des Verfassers macht Ministerpräsident Viktor Orbán kein Geheimnis daraus, dass er zur „Umwandlung des gesamten Staates“ wild entschlossen ist. Die Zeitung berichtet über die in „atemberaubendem Tempo“ vorgelegten Regierungsmaßnahmen, nach seinen Worten verabschiedet das Parlament die Gesetze am Fließband. Er berichtet über die in den öffentlich-rechtlichen Medien bisher erfolgten und für Herbst angekündigten Entlassungen und hebt hervor, dass „die noch existierenden, wenigen unabhängigen Medien regelrecht erdrosselt werden“. Der Verfasser erwähnt ebenfalls, dass – wie er schreibt – ein Sonderausschuss des Parlaments soeben die Weichen gestellt hat, um die früheren sozialistischen Regierungen wegen der Staatsverschuldung unter der Anklage von „politischen Verbrechen“ vor ein Gericht zu stellen.

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3 Responses to MTI: der Regierung loyal ergeben

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  2. Nachtrag 9.8.2011: Die ungarische Nachrichtenagentur MTI hat offenbar die Nerven verloren und eine Pressemitteilung zum Thema herausgegeben. Über ihren hauseigenen PR-Ticker ließ MTI von ihrer Pressesprecherin Zsófia Rákosy verlauten, der SZ-Beitrag von Alex Rühle mache denselben Fehler wie die Sozialisten in Ungarn. Der Mitarbeiter Dániel Papp sei beim MTI nicht bekannt, zum anderen habe man das Zitat der NMHH-Chefin im Archiv nicht finden können.

    In der Tat wurde Papp, der Nachrichtenfälscher, im April 2011 zum Chefredakteur Nachrichten und Hintergrund bei der Zentralredaktion MTVA berufen. Formal ist die MTVA das Dach, unter dem sich auch die MTI befindet. Die in der MTI-Pressemitteilung lesbare Polemik ist daher notwendig, handelt es sich doch hier um eine an den Haaren herbeigezogene Unterscheidung.

    MTI-PM: http://os.mti.hu/hirek/69939/az_mti_reagalasa_a_suddeutsche_zeitung_irasara

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