Ungarns Großer Sprung nach vorn

10.9.2011 – Eigentlich geht es hier um Medienpolitik. Heute aber machen wir ‘mal eine Ausnahme und beleuchten die Ideologie der in Ungarn regierenden Partei Fidesz. Ministerpräsident Viktor Orbán hat sie während einer Open-Air Veranstaltung im ehemals ungarischen Teil Rumäniens sehr klar umrissen: Erstarkender Nationalismus.

Natürlich heißt für ihn der Kurort Tusnádfürdö und nicht Baile Tusnad, denn Viktor Orbán betrachtet die kleinste Stadt Rumäniens insgeheim noch als nationales Territorium Ungarns. Hier ist der perfekte Ort, um im rosafarbenen Hemd,  ohne Krawatte die Eckpfeiler seiner neuen politischen Ideologie einzuschlagen. Locker im Ton, hart in der Sache: Nichts mehr und nichts weniger als das Ende der westlichen Systeme stehe bevor, so Orbán.

伟大领袖 Viktor Orbán beschwört die Nation. Bild: HunAmb

„Die Zeitenwende wird mit dem Zusammenbruch der vorausgegangenen Epoche kommen. Wir werden nicht in eine neue Zeit des Wachstums eintreten, sondern ein Zusammenbruch wird geschehen, und von dort wird es einen Neubeginn geben“, sagt Ungarns Staatschef zur aktuellen wirtschaftlichen Lage in Europa und fährt fort: „Ich denke, dass wir am Ende der westlichen Konsum- und Wohlstandsgesellschaft angelangt sind.“ „Zugleich möchte ich Ihnen sagen, dass man den Zusammenbruch der alten Welt nicht bedauern muss, weil die alte Welt meiner Meinung nach eher ein Gefängnis war, denn Heimat, oder zumindest eine Zwangsunterkunft für die ungarische Nation.“

Hundert Jahre lang habe Ungarn in einem widernatürlichen Zustand verbracht, die Menschen litten, weil „wir laufend benachteiligt“ wurden. Doch vor einem Jahr ging mit der großen ‚Zweidrittelrevolution‘, wie Orbán seinen erdrutschartigen Wahlsieg verklärt, das Jahrhundert der Knechtschaft zu Ende: „Die Ungarische Nation war schon sehr lange nicht mehr in einem so entschlossenen und tatkräftigen Zustand“.

Am Himmel sieht der Staatsführer dunkle Wolken, aber auch den Leitstrahl der eigenen Leistung: „Ungarn hat alle Europäischen Staaten teilweise wissentlich, teilweise unbewusst überholt und die richtigen Antworten auf jene Wende gegeben, an deren Türschwelle wir heute stehen.“ Er sieht sein Land im Aufwind, ja die ganze Region bald prosperieren, weil „der Schwerpunkt des wirtschaftlichen Wachstums der EU in Mitteleuropa liegen und auch die deutsche Wirtschaft sich in Richtung Mitteleuropa orientieren wird“.

Dann endlich kommt Orbán zum Thema: „Die Sache ist, dass man nur dann einen erfolgreichen Staat errichten kann, wenn hinter dem Staat eine starke Nation steht, eine selbstbewusste Gemeinschaft, welcher der Staat mit seiner Arbeit dient. Die wahre Kraft schöpft der Staat aus der Nation, und der Staat ist nichts anderes, als ein Werkzeug, um die Berufung durch die Nation zu erfüllen.“ In zwanzig Minuten sagt er das Wort 49mal.

Orbáns Rede ist eine einschmeichelnde Mischung aus pointierter Kritik an der ausufernden Staatsverschuldung und den immer gleichen falschen Schlussfolgerungen. An manchen Stellen verrutscht er ideologisch ganz weit nach rechts, wenn sich etwa volksnationale Beschwörung  und sozialpolitische Komponenten sanft übereinanderschieben. Wahrlich, in Ungarn gibt es auch noch rechts der Fidesz einiges zu fischen.

Orbán schließt seine  Rede mit dem Satz: „Die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik und für den Erfolg in ganz Europa wird die Erstarkung der Nation sein. Die Zeitenwende und damit auch die Veränderung unseres Lebensstils werden in der gesamten westlichen Welt die Wiedergeburt der Nation mit sich bringen.“

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Anmerkung: Viktor Orbáns Redetext ist hier als Quelle im PDF-Format beigefügt. Wir haben die Rede komplett übersetzt, damit man sich auch im deutschsprachigen Ausland ein Bild über Inhalt, Rhetorik und Duktus jener Politik machen kann, die sich als Erneuerung Europas vorstellt und zugleich in hohem Tempo wesentliche Grundrechte des westlichen Wertesystems abschafft. Dieses Dokument verstehen wir als programmatisch für die Politik des Ministerpräsidenten und seiner Partei Fidesz und daher als wichtiges zeitgeschichtliches Dokument. Über Kommentare freuen wir uns.

Hier klicken für PDF Redetext Viktor Orbán HU | DE

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5 Responses to Ungarns Großer Sprung nach vorn

  1. Ich habe Orbáns „letzte?“ Rede, die mir Freunde in Budapest in der deutschen Übersetzung zuschickten, recht genau gelesen. Orbán hat sie unter dem Eindruck der ungeheuerlichen Bank-Sauereien und Schurkereien der letzten Jahre, (an der Spitze die USA, Frankreich und Deutschland) verfasst und dem katastrophalen Spekulationsirrtum der Etablierung der EU. (Dieser ist eine Folge falscher Prognosen und Diktate nach dem Zusammenbruch der Sowjethegenomie.) Die mehr oder weniger versteckten Schlussfolgerungen die Orbán auf Ungarn bezieht, u. a. „Zwangsarbeit“, sind faschistisch im klassischen Sinne, hypertroph wie der Anspruch: „am deutschen Wesen soll die Welt genesen“, dito: „am ungarischen Wesen soll die Welt genesen.“ Dass er die Rede in Siebenbürgen vor diesen dort unglaublich zurückgebliebenen Ungarn hielt, ist bezeichnend. Er hätte sie auch vor einigen Mumien der Budapester Pfeilkreuzler halten können, oder vor den katholischen Bischöfen und den allermeisten Priestern des heutigen Ungarns.
    Robert Stauffer, Schriftsteller, München

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  3. kullancs says:

    *Natürlich heißt für ihn der Kurort Tusnádfürdö und nicht Baile Tusnad, denn Viktor Orbán betrachtet die kleinste Stadt Rumäniens insgeheim noch als nationales Territorium Ungarns. *

    So?…. und wieso kann man dann in deutschprachigen Zeitungen immer über Siebenbürgen lesen????
    Wieso gibt es sudetendeutsche Landsmannschaften???
    Ich warte nun ganz gespannt auf einen Protestschrei!!!
    Aber ich kenne schon die Argumente:das ist was gaaaaanz anderes!!
    Tisztelettel !!

  4. klaus maier says:

    orban`s wohlstandsversprechen. orban hält sich für großen wirtschafts-fachmann,es fehlen ihm aber wichtige kenntnisse. (es gibt auch viele pseudo- halbwissen-wirtschaftsexperten–auch bei polit-beratern und poltikern)vermutlich wird es mit dem aufbau der wirtschaft nicht so gut klappen….

  5. kullancs says:

    Ardeal , Herr Stauffer Ardeal
    soviel Zeit muss sein und ich grüsse alle unglaublich zurückgebliebenen Deutschen!!

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