Gehorsam im Pécser Konzerthaus

25.8.2011 – Er dirigierte in Budapest, Mailand, Bologna, Lissabon und Venedig, wirkte an der Deutschen Oper in Düsseldorf und an der Deutschen Oper zu Berlin. Und nun im südungarischen Pécs passiert, was er in 46 Dienstjahren nie für möglich gehalten hätte: Zoltán Peskó, Chefdirigent und Musikalischer Direktor der Pannon Philharmoniker, wird von seinem Intendanten Zsolt Horváth zensiert. Stücke werden gestrichen, ein Komponist wird aus dem Repertoire verbannt. Der Chefdirigent kündigt daraufhin.

Peskó ist ein stiller Mann von über siebzig und zum Zeitpunkt der Direktive mit dem Eröffnungskonzert für das neue Kodály Központ in Pécs beschäftigt. Es ist schon peinlich genug, dass das mit EU-Millionen gebaute Konzerthaus nicht rechtzeitig fertig geworden ist, als Pécs im Jahr 2010 Europäische Kulturhauptstadt wurde und mit einem architektonischen Highlight glänzen wollte. Nun, da das Kodály Központ endlich eröffnet wird, will Peskó ein fulminantes Konzert nachreichen – es ist inzwischen Dezember 2010, das Kulturhauptstadtjahr ist schon vorbei.

Was liegt näher, als das nach dem ungarischen Ausnahmekomponisten Zoltán Kodály benannte Konzerthaus mit einem seiner Werke zu eröffnen? Vieles hat Kodály geschaffen, hat die  ungarische Volksmusik geschickt mit Kompositionen der Ernsten Unterhaltung verschmolzen, und er wurde weltweit dafür gefeiert. Sein Chorkonzert „Felszállot a páva“, zu Deutsch „der Pfau ist aufgeflogen“, wurde 1938 im Amsterdamer Concertgebouw uraufgeführt. Jetzt sollte es in Pécs erklingen. Doch das verbot der Intendant Zsolt Horváth kategorisch und stellte klar, dass auch andere Werke des berühmten Komponisten nicht ins reguläre Programm aufgenommen werden dürfen.

Die Pannon Philharmoniker gibt es seit 201 Jahren. Seit 2010 spielen sie in einem der schönsten Konzertsäle Europas. Bild: PP

Schon mit Peskós Vorgänger hatte Horváth ständig Zoff. Es knirschte dermaßen, dass der ehemalige Chefdirigent Zsolt Hamár 2009 entnervt aufgab. Peskó folgte, übernahm den Posten aber nur unter der Auflage, dass er vom frisch gewählten Bürgermeister der Stadt Rückendeckung gegen die aggressive Einmischung seines Intendanten erhalte. Jetzt wird ausgerechnet dieser Bürgermeister zum Grund für Peskós Kündigung, wenn auch unabsichtlich.

Der Pécser Bürgermeister heißt Zsolt Páva, zu Deutsch Pfau, und nach Ansicht des Intendanten würde man Kodálys Werk über den auffliegenden Pfau als Spott gegen den Bürgermeister verstehen. Páva ist von dieser ungebetenen Inschutznahme überrascht und beteuert, mit dem Verbot nichts zu tun zu haben. Er würde es auch nicht auf sich beziehen, wenn er durch den Zoo geht und einen Pfau sieht. Welchen Grund aber hatte Horváths vorauseilender Gehorsam?

Vielleicht wollte er dem Bürgermeister tatsächlich Scherze über seinen Familiennamen ersparen. Auch möglich, dass der Chefdirigent die Geduld mit seinem jungen, vorlauten Vorgesetzten verlor und die Sache eskalierte. Wahrscheinlicher aber ist, dass der politische Geist des gegenwärtigen Ungarn nun auch Einzug in das künstlerische Leben des Landes hält. Erst vor wenigen Tagen etwa ernannte Regierungschef Viktor Orbán den parteitreuen Intendanten des Fernsehsenders Duna-TV, Szilveszter Ókovács, zum neuen Regierungskommissar der ungarischen Staatsoper in Budapest.

Auch im Pécser Rat regiert Orbáns rechtspopulistische Fidesz, und eine gestern Nacht eilig verbreitete Pressemitteilung der Pannon Philharmoniker lässt darauf schließen, dass man das Thema nicht erklären kann, sondern aussitzen will. Denn einerseits standen zum Zeitpunkt der Debatte wichtige haushaltspolitische Entscheidungen an, zum anderen passt der Komponist Zoltán Kodály ebenso wenig in den politischen Mainstream Ungarns wie der Chortext aus der Feder einer der größten ungarischen Dichter, Endre Ady – der hier nicht zur Aufführung kommen sollte, aber immer mit diesem Stück assoziiert wird.

Zoltán Kodály war nicht nur ein begabter Komponist und Pionier der frühkindlichen Musikerziehung, sondern auch ein politisch wacher Kopf. Im selben Jahr als er das Chorwerk über den Pfau fertigstellte, unterzeichnete er mit drei Dutzend Kulturschaffenden einen Offenen Brief gegen die auch in Ungarn eingeführten Rassegesetze. In den Folgejahren protestierte er öffentlich gegen den nationalsozialistischen Einfluss und vertonte trotzig die Gedichte des Märzrevolutionärs Sándor Petöfi. Nach Kriegsende wurde er Ehrenmitglied der Interimsregierung und in den Wirren des Bürgerkrieges von 1956 Vorsitzender des revolutionären Akademikerrates.

Endre Ady gilt als einer der bedeutendsten Dichter des Landes. Er war Zeitgenosse von Rainer Maria Rilke, war Journalist, Zeitungsherausgeber und politischer Vorkämpfer der vorletzten Jahrhundertwende – einer Epoche, die mit zahllosen Hoffnungen beladen war, die sich schließlich nie erfüllten. So handelt sein Gedicht von 1907 von eben dieser Aufbruchsstimmung vor Hundert Jahren:  Der Pfau ist aufgeflogen, auf das Haus des Bürgeramtes… Ihr grell berauschenden Federn! Schreit es weit hinaus! Morgen wird alles anders sein… Ein neuer Wind wird die greisen Bäume Ungarns biegen. Hoffen wir, warten wir auf die neuen ungarischen Wunder… Entweder bekommen unsere Worte neue Bedeutung, oder unser Leben wird leidvoll bleiben… Der Pfau ist aufgeflogen, auf das Haus des Bürgeramtes, um den vielen armen Burschen die Freiheit zu bringen.

So viel freier und revolutionärer Geist ist bei den Politikern der regierenden Rechtsparteien Fidesz und KDNP und der ungarischen Jobbik verpönt. Kein bunter Pfau fliegt heute mehr auf das Dach der Politik, es regiert nur noch das graue Einheitsmaß einer zentralistischen Führung. Sie propagiert den erstarkenden Nationalismus und bringt erzkonservative christliche Werte aus dem Hochmittelalter in die Heimat zurück, wie es der Vizepräsident der Fidesz, Lajos Kósa,  formulierte: „Wie unsere Ahnen erschaffen wir das vom Heiligen Stefan  gegründete, christliche Ungarn, und wir vertrauen darauf, dass man es in tausend Jahren als Erfolg werten wird“.

Da traf es sich gut, dass man zur Eröffnung des neuen Konzerthauses in Pécs schließlich einen Kompromiss fand und das Kodály Központ mit einem Werk des ungarischen Komponisten eröffnen konnte: Unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges komponierte Kodály 1923 das Chorwerk Psalmus Hungaricus, ein Opus von Klage und Kummer, ein Ausdruck des Verlustes an Menschenleben und Heimatland nach den Verträgen von Trianon. Das gefiel den politisch Verantwortlichen der Fidesz, das gefiel auch dem Intendanten des Orchesters. Obendrein: Der Chortext stammt aus dem 16. Jahrhundert und geht auf den Bibelpsalm 55 zurück: Gott erhöre mein Gebet! Und verbirg Dich nicht vor meinem Flehen. Peskó hat die Aufführung nicht geleitet. Und mehr Kodály soll es in Pécs vorerst nicht geben.

Advertisements

%d Bloggern gefällt das: