Die Reinkarnation des Türkmenbaşy

1.9.2011 – Als Saparmyrat Ataýewiç Nyýazow kurz vor Weihnachten 2006 verstarb, war ganz Ungarn gerade damit beschäftigt, die ‚Lügenrede‘ seines damaligen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány zu verdauen und mit der Demontage ihrer eigenen, jungen Demokratie zu beginnen. Gyurcsány ist inzwischen Geschichte, dafür ist aber der Geist des verstorbenen Nyýazow zurückgekehrt – unerwarteterweise nach Ungarn.

Nur wenige erinnern sich noch an ihn, Saparmyrat Ataýewiç Nyýazow, den Dichter und Poeten, der von seinen Landsleuten liebevoll Türkmenbaşy genannt wurde, Vater der Turkmenen. Sein Hauptwerk Ruhnama handelt von Liebe, Moral und Eintracht und erzählt die Geschichte seines Heimatlandes. Das Werk ist samstägliche Pflichtlektüre, denn Nyýazow war nicht nur Poet, sondern im Hauptberuf Diktator der Republik Turkmenistan auf Lebenszeit. Bis ihn der Allmächtige heimholte und seinem Leben und Wirken ein jähes Ende setzte. Doch der weise Türkmenbaşy hatte vorgesorgt.

Wenige Monate zuvor, am 24. August 2005, wurde eine russische Trägerrakete des Typs Dnepr-1 aus dem unterirdischen Silo LC-109 des Baikonur Kosmodroms gepumpt, zündete die erste Triebwerksstufe und erreichte nach knapp zwanzig Minuten Flug einen erdnahen Orbit. Neben zwei japanischen Satelliten hatte die vormalige Interkontinentalrakete des Typs SS-18 heilige Fracht an Bord: Die Staatsflagge Turkmenistans und das poetische Hauptwerk aus der Feder des Türkmenbaşy. Seither kreist die Ruhnama auf einer elliptischen Bahn um die Erde und wird als Weltraummüll mit der Teilenummer 2005-031C  voraussichtlich im Jahr 2132 in der Erdatmosphäre verglühen.

Tadellos, dieser Verfassungsaltar. Foto: Póor

Wie die Ruhnama, so sollte auch die neue ungarische Verfassung Pflichtlektüre eines jeden Patrioten werden, dachte sich die Regierung in Budapest und erließ eine Anweisung, die binnen vier Tagen umzusetzen war: In jedem Rathaus des Landes muss ab heute früh acht Uhr ein Verfassungstisch eingerichtet werden, gekennzeichnet mit der Aufschrift „der Tisch der Verfassung“. Der Tisch ist mit einer Glasplatte abzudecken, mit Blumenschmuck zu dekorieren und mit einem Stift zu versehen, der an einer Schnur in den Farben der Nation zu sichern ist. Auf dem Tisch muss die gedruckte Verfassung platziert, auf Seite 28 aufgeschlagen und mit rot-weiß-grüner Schnur fixiert werden.

Die nach heftiger internationaler Kritik im April des Jahres verabschiedete neue Verfassung Ungarns wurde von der rechtskonservativen Regierung unter Ministerpräsident Viktor Orbán mit eigener Zweidrittelmehrheit durch das Parlament gebracht und vom Staatspräsidenten umgehend gegengezeichnet. Obwohl sie erst im Januar 2012 in Kraft treten wird, soll jeder Ungar sich schon jetzt mit dem Gesetz vertraut machen. Ein eigens dafür abgestellter Mitarbeiter der Verwaltung muss am ‚Tisch der Verfassung‘ bereitstehen, um beim Ausfüllen des Bestellformulars zu helfen, falls jemand das Werk zu Hause weiterlesen möchte. Parlamentspräsident László Kövér hat gar versprochen, jedem ein handsigniertes Exemplar zuzusenden, wenn man es denn wolle.

Keine ungarische Regierung hat es seit der Wende geschafft, das Land so schnell und so rücksichtslos umzukrempeln: Eine rückwärtsgerichtete Verfassung auf der Grundlage religiöser Werte, der Verstoß gegen allgemeine Standards der demokratischen Willensbildung, der ungewöhnliche Eifer zur Verbreitung dieser neuen Werte im Volk, gepaart mit Personenkult und Selbstherrlichkeit – die Reinkarnation des Türkmenbaşy ist ausgerechnet in einem EU-Mitgliedsstaat eingetreten. Im Internet wird bereits diskutiert, in jedem Wohnzimmer das Portrait des geliebten Führers Viktor Orbán aufzuhängen, wie man es damals tat, in den dunkelsten Jahren des Kommunismus.  Der Türkmenbaşy, Diamantenkranz des Volkes, hätte diese Idee sicher gut geheißen.

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2 Responses to Die Reinkarnation des Türkmenbaşy

  1. Klaus says:

    Was steht denn auf Seite 28 der Verfassung so besonders wichtig, dass diese Seite augeschalgen sein muss?

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