Viktors Freitag

14.10.2011 – Mit 54 neuen Sendungen im Fernsehen und zahllosen Veränderungen beim Radio läutet der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Ungarn die inhaltliche Programmwende ein. In der Mehrzahl werden Unterhaltungsformate anderer Länder kopiert. Nicht so beim Kossúth Rádio. Es macht mit einer ungewöhnlichen Interviewsendung eine Ausnahme. 

Seit der Zwangsehe aller öffentlich-rechtlichen Sender zur mächtigen MTVA ist ihre neue Zentralredaktion für insgesamt vier TV-Kanäle, sieben Radiosender, den Internetauftritt und die Nachrichtenagentur des Landes zuständig. Sie muss jeden Tag fast  vier Tausend TV-Sendeminuten und rund 150 Stunden Radiozeit füllen – mit einer Mannschaft, die gerade dabei ist, ein Drittel ihrer Personalstärke, vor allem aber den Mut zu verlieren, interessante Sendungen zu machen.

Neue Ressortchefs kamen, allesamt handverlesene Regierungstreue. Zuletzt wurde die Führungsriege von Duna TV mit Menyhért Dobos und Róbert Stein neu besetzt, nachdem Regierungschef Viktor Orbán den erst kurz zuvor inthronisierten Szilveszter Ókovács dringend als Leiter der Staatsoper brauchte und abzog. Der Kehraus zeigt Wirkung: Im Sendezentrum herrschen jetzt Ruhe und Gehorsam.

Ruhe bitte! Der Herr Ministerpräsident spricht.

Auch inhaltlich sollte alles anders werden. Die Zentralredaktion hat sich deshalb neue  Formate ausgedacht, die seit vergangener Woche nach und nach an den Start gehen und eines gemeinsam haben: Sie sind unpolitisch, mit einer Ausnahme. Heute früh um zehn nach sieben, wenn sich ganz Ungarn fertig macht für Werkbänke, Schulen und Büros, da ging im Rahmen der Frühsendung 180 perc [180 Minuten] des Kossúth Rádió ein neues Format an den Start, das hierzulande wohl eher als Werbeblock ausgepreist werden müsste: Ministerpräsident Viktor Orbán wird ab sofort jeden Freitag eine knappe halbe Stunde Sendezeit haben, um über seine Person und Politik zu reden – und eine Million Ungarn müssen ihm zuhören.

Die als Interview etikettierte Dauerwerbesendung wird von einem jungen, bislang unauffälligen Mann moderiert: Gábor István Kiss machte aber schon bei der heutigen ersten Sendung klar, dass er sich eher als Stichwortgeber versteht denn als Journalist.

Zunächst sind die beiden Männer im Studio sehr nervös. Doch dann läuft es wie geschmiert. Ganze sieben Minuten  lässt Kiss den Ministerpräsidenten über sein geplantes Wohnungsbauprogramm reden, ohne auch nur einmal einzuhaken. In einer knappen halben Stunde stellt er – neben ein paar Halbsätzen – ganze sechs Fragen, die devoter nicht sein könnten. Kostprobe: „Für wann ist die nächste Sitzung geplant?“.

Zwischendurch hört man Kiss im Hintergrund zufrieden brummeln, und man versteht bald, dass seine Fragen abgesprochen, wahrscheinlich von der Staatskanzlei vorgegeben waren. Orbán, der seine Fahrigkeit kaum verbergen kann, will oft nicht einmal abwarten, bis eine Frage gestellt wurde – wohl weil er sie schriftlich vor sich liegen hat. Der Regierungschef fährt Kiss in die Parade, überhört einen wohlgemeinten Zwischenruf, schwadroniert atemlos über seine ‚große Erfahrung‘, hetzt gegen imaginäre Mächte und die Vorgängerregierung und doziert seine hausgemachten Theorien über die Krise und die Nation. Über seine wahren Absichten oder über konkrete Politik erfährt der Zuhörer praktisch nichts, aber der Moderator hakt nicht nach.

Als der Ministerpräsident sein Abschlussstatement in der Schlussminute mit „Mein letzter Satz…“ selbst einleitet, wird endgültig klar, wer durch die Sendung führt . Kiss bedankt sich danach artig und verweist auf den kommenden Freitag. Viktor Orbán ist zufrieden, wie schon vor zwölf Jahren, als er, auch damals als Regierungschef, sich des öffentlich-rechtlichen Radios bediente – wenn schon l’État c‘est moi, dann auch die aus Steuergeldern alimentierten Massenmedien! In der gleichgeschalteten Medienlandschaft Ungarns mit ihren neuen Gesetzen, Seilschaften und Kontrollgremien steht ihm dazu praktisch nichts mehr im Wege.

Tonmitschnitt der Erstsendung im Original (Ungarisch): http://videotar.mtv.hu/Videok/2011/10/14/07/Orban_Viktor_a_Kossuth_Radioban.aspx

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