„Weiße Folter“ gegen die Hungerstreikenden

Der Hungerstreik ungarischer Journalisten gegen die Nachrichtenfälschungen bei den öffentlich-rechtlichen Sendern dauert bereits zwölf ganze Tage. Nun wird deren Geschäftsführung immer nervöser – und greift zu zweifelhaften Gegenmaßnahmen.

22.12.2011 – Vor zehn Jahren kam der Innensenator Hamburgs, Ronald Barnabas Schill, auf die innovative Idee, Obdachlose und Drogendealer vor dem Hauptbahnhof der Hansestadt mit Musik zu vertreiben. Er ließ Lautsprecher anbringen, aus denen ununterbrochen Vivaldis Vier Jahreszeiten oder Mozarts Kleine Nachtmusik quoll – und hatte Erfolg. Den Reisenden gefiel’s, die Gestrandeten wurden aber fast verrückt und wanderten ab. Nun wollen die Berliner Verkehrsbetriebe nachziehen und an den S-Bahnsteigen Beethoven brüllen lassen.

Die Methode ist ethisch umstritten, aber für den Geschäftsführer der ungarischen Zentralredaktion MTVA einen Versuch wert. Gestern Abend um sieben Uhr ließ er von einem Eckbalkon des Sendezentrums einen großen Lautsprecher über den Demonstranten abseilen, aus dem fortan pausenlos Weihnachtsmusik erschallt. Seither ertönen drei schmalzige Festtagslieder in einer Endlosschleife und in einer für den öffentlichen Raum absurd hohen Lautstärke.

"Weiße Folter" statt Weißer Weihnacht. Dauerschall soll die Hungerstreikenden vor dem MTVA Sendezentrum vertreiben.

Lautstarke Beschallung ist ein gängiges Instrument der Kriegsführung. Mit hochfrequentem Schall wurden etwa Bewohner afghanischer Dörfer so lange gequält, bis sie ein Gebiet verließen, das dann vom US-Militär vereinnahmt werden konnte. Und als der Präsident von Honduras 2009 vor den Putschisten in eine Botschaft flüchtete, wurde er von Soldaten mit ohrenbetäubender Musik und Aufnahmen von Tierschreien beschallt, um ihn am Schlafen zu hindern.

Dauerhafter Schlafentzug wurde in den Sowjetischen Gulags oder im US-Lager Guantánamo gerne praktiziert und ist heute als Folter anerkannt. Zuerst führt Schlafentzug zu gesteigerter Reizbarkeit, später zu psychischen Schäden und zum Tod. Weil die Folgen des systematisch verursachten Schlafentzugs nicht direkt nachweisbar sind, wird die Methode „Weiße Folter“ genannt.

Ungarn hat die UN-Antifolterkonvention 1992 zwar  unterzeichnet, aber die Europäischen Zusatzprotokolle bis heute nicht ratifiziert.

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Siehe auch www.stargarten.wordpress.com/journalisten-treten-in-den-hungerstreik

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