Böröcz, No Pasaran!

23.11.2012 – Sie sind so etwas wie lebende Mahnmale gegen die Pressezensur geworden, gegen politisch motivierte  Nachrichtenfälschung und die Willkür des staatlich gelenkten öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Ungarn. Jetzt, kurz vor dem Jahrestag ihres Protestes schlägt der Staatsapparat zurück.

Seit genau 350 Tagen sitzen sie da, am Tage und in der Nacht, trinken Tee, schmieren sich Brote, frieren oder schwitzen. Die Gespräche immer eintöniger, die Gesundheit schlechter, die Schar der Sympathisanten und Schaulustigen immer kleiner und unbedeutender. Fast schon vergessen sind 22 harte Tage des Hungerstreiks, gewonnene Zivilprozesse und der internationale Zuspruch der Anfangszeit. Sie ist müde, die kleine Demonstrantentruppe vor dem TV-Sendezentrum des MTVA in Budapest. Bald ist ein volles Jahr vorüber, und keiner der tapferen Protestler hätte je gedacht, dass man so lange würde bleiben müssen.

Die TV-Journalisten Aranka Szávuly und Balázs Nagy-Navarro hatten die Aktion vor einem knappen Jahr begonnen, nachdem ihr TV-Sender einen gefälschten Nachrichtenbeitrag ausstrahlte und keinerlei Verantwortung für die Manipulation übernehmen wollte. Schließlich wurde ein Abteilungsleiter entfernt, zwei weitere intern versetzt. Szávuly und Nagy-Navarro aber verloren fristlos ihren Arbeitsplatz und durften seitdem nicht einmal die persönlichen Sachen aus ihren Büros abholen.

Budapest 2012: Bauzaun, Wachschutz und einer für die Pressefreiheit.

Und so saßen sie vor dem Gebäude A des riesigen Sendezentrums, Monat für Monat, auch an Weihnachten und Ostern, während ihre Kinder zu Hause warteten und die ehemaligen Kollegen bemüht wegsahen, wenn sie das Sendergebäude betraten. Ein kleines Partyzelt gab ihnen Schutz vor dem Regen, ein alter Wohnwagen ein Bett für die Nacht. Nagy-Navarro ist ein zäher Knochen, ein erfahrener Journalist und Gewerkschaftsfunktionär, dessen Worte immer wie eine Ansprache klingen, auch wenn ihm wenige zuhören. Nur ab und zu kam ein Parlamentarier von einer der linken Miniparteien vorbei, doch weil mit dem Thema Pressefreiheit politisch nichts zu holen ist, kamen sie bald nicht mehr.

Dem Geschäftsführer der MTVA, István Böröcz, muss dieses Durchhaltevermögen unheimlich geworden sein. In der Nacht von Allerheiligen ließ er, ohne jede Vorwarnung, das Streiklager gewaltsam auflösen und blitzschnell einen neuen Bauzaun errichten. Angeblich standen die Outlaws einer neuen Glasskulptur im Wege, die das Sendezentrum vor seinen Pforten aufstellen lassen wollte.

Die überraschten Demonstranten siedelten um und schlugen ihr Zelt vor dem Gebäude B auf, doch da behinderten sie eine Open-Air Fotoausstellung und wurden ebenfalls auf die Straße abgedrängt. Weder die Skulptur noch die Ausstellung sind seither am Platze.

Balázs Nagy-Navarro und seine Kollegen streiken jetzt auf der Fahrbahn.

Nagy-Navarro hat Strafanzeige wegen Körperverletzung erstattet – ein Wachschutztrupp, dessen Identität niemand kannte, habe sie brutal angegriffen, verletzt und beschimpft. Die rasch herbeigerufene Polizei habe mit verschränkten Armen zugesehen, sagt Frau Szávuly. Das könnte noch ein gerichtliches Nachspiel haben.

Jetzt sitzen sie wieder, diesmal direkt auf der Fahrbahn, und die Polizei leitet den Verkehr um sie herum. Ein gutes Dutzend Mitstreiter sind sie inzwischen, sie wechseln sich ab, harren aus, aber was sollten sie auch tun – ohne Arbeit, ohne Bilanz, ohne Rückhalt in einer zunehmend lethargischen Bevölkerung? Sie hoffen auf den Showdown mit dem Sender, der nach Frau Szávulys Meinung bald bevorsteht. Aber auf den hoffen sie schon seit fast einem Jahr.

Seit den gewaltsamen Aktionen Anfang des Monats spürt sie wieder so etwas wie aufkeimende Solidarität. An Mitstreitern sollte es eigentlich nicht mangeln. Schließlich hatte die MTVA vor einem Jahr fast tausend Leute entlassen – die meisten aus politischen Gründen – und jüngst bekannt gegeben, dass sie weitere 250 Leute loswerden will. Damit schrumpft sich das Konglomerat aus vier TV- und sieben Radiosendern, staatlicher Webpräsenz und Nachrichtenagentur auf 2.000 Leute gesund. Aus Kostengründen, wie es offiziell heißt. Um im gleichen Atemzug den Jahresetat von 69 auf 78 Milliarden Forint (~ 280 Mio €) anzuheben. Selbst die Ultrarechten im Parlament kritisieren das.

Kleine Streikpause: Der Leipziger Medienpreis ist in Ungarn praktisch unbekannt.

Aranka Szávuly und Balázs Nagy-Navarro haben für ihren Einsatz für die Pressefreiheit im Oktober den Medienpreis der Stadt Leipzig erhalten, doch dessen Glanz schien nicht bis nach Budapest. Der Preis war den Staatsmedien keine Zeile wert, wie zuvor schon alles verheimlicht, unterdrückt und sanktioniert wurde, was vor ihren Toren geschah. Mitarbeiter wurden abgemahnt, Gespräche mit den Streikenden waren verboten, und viele scheuen selbst heute den Blickkontakt zu ihren ehemaligen Genossen.

Es sieht ziemlich hoffnungslos aus für die Pressefreiheit und für die Streikenden. Doch dann sagt Frau Szávuly mit leuchtenden Augen einen Satz, den man in dieser Lage nicht erwartet hätte: „Wir werden nicht zurückweichen. Wir werden ausharren. Wir glauben an den Erfolg!“ Und plötzlich ist er da, der Geist von Occupy, von Pussy Riot, von Ai Wie Wei, das neue No Pasaran! Und man wünscht sich, man könnte selbst etwas tun und dieser kleinen wackeren Truppe dabei helfen, das kostbarste Gut einer Demokratie zu retten, die in Ungarn absichtlich zertreten wird.

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