Journalisten treten in den Hungerstreik

Drei Journalisten sind am gestrigen Samstag in einen unbefristeten Hungerstreik getreten, um gegen die politische Lenkung beim ungarischen Fernsehen zu protestieren. Angestoßen wurde die Aktion vom Fall des Ferenz Lomnici, der vor einer Woche aus zwei Nachrichtensendungen retuschiert worden war.

11.12.11 – Der 10. Dezember war in Ungarn ein Tag wie jeder andere, bis sich der damalige Oberste Richter und Vorsitzende des Menschenrechtsrates, Zoltán Lomnici, 2009 dafür einsetzte, der Opfer der vergangenen Diktaturen zu gedenken. Pfeilkreuzler, Weltkriege, Nazis, Holocaust – die ungarische Geschichte ist voll von Schurken. Da traf es sich gut, den UN-Tag der Menschenrechte zum Anlass zu nehmen – den in Deutschland praktisch auch niemand kennt und wenige kümmert.

Kaum war die aktuelle rechtskonservative Regierung in Budapest 2010 im Amt, da holte sie Lomnicis Idee freudig aus der Schublade: Man gedachte willig der Opfer des Kommunismus und des Ungarnaufstandes – und verabschiedete Lomnici aus seinem Amt mit den Worten, seine Ära sei jetzt endlich vorbei. Lomnici kam auf eine schwarze Liste beim staatlichen Fernsehen und wurde nicht mehr gesehen. Bis vorvergangenen Samstag.

In den Hauptnachrichten zweier Sender war am 3.12.2011 eine kleine Wolke zu sehen, hinter der sich Zoltán Lomnici verbarg – vielmehr er sollte verborgen werden, weil der  kaum erkennbare, kleine Mann im Hintergrund stand und die Direktiven der MTVA störte. Lomnici wurde kurzerhand wegretuschiert mit einer Technik, die sonst nur bei Straftätern und Genitalien Anwendung findet. Doch die Sache flog auf.

MTVA Pressesprecher Szabó rettet sich über die Sendezeit.

Am Donnerstag [8.12.] saß ein unsicher wirkender Pressesprecher der mächtigen Zentralredaktion MTVA, László Szabó, als Interviewgast beim kleinen, unabhängigen TV-Sender ATV. Gut vierzehn Minuten waren ihm in der Sendung Egyenes Beszéd, etwa Klare Ansage, gewidmet, und sie waren wohl die längsten Minuten seines Leben – für den Zuschauer jedoch eine Sternstunde des Fernsehens, einer der wenigen Momente, in denen man jedem wünscht, die ungarische Sprache zu verstehen.

Zu verdanken ist diese Viertelstunde der brillanten TV-Moderatorin Olga Kálmán, die über die gesamte Strecke nicht  locker ließ, um herauszufinden, warum die Retusche in den Nachrichten zur Anwendung kam. Szabó hingegen wand sich, wiederholte sich stoisch, starrte auf den Pult und entschuldigte sich fortlaufend, aber zusammenhanglos. Seine monotone Message: Man habe drei Personen identifiziert, sie waren alle einsichtig, daher habe man sie ermahnt und die Sache sei abgeschlossen. Die Namen der drei dürfe er nicht nennen. Der Grund für die Retusche sei ohnehin technischer Natur, das Bild sei nicht in Ordnung gewesen.

Damit kam die Sache ins Rollen. Der Mann hatte so offensichtlich gelogen, dass er womöglich den Beginn einer kleinen Palastrevolte bei der Zentralredaktion der Öffentlich-rechtlichen auslöste. Denn schon anderntags wurde, ohne die Gründe zu benennen, eine zweite interne Kommission gegründet. Zum anderen regt sich nun endlich der Widerstand, den man weder bei den jüngsten Massenentlassungen noch beim radikalen Umbau der Medienapparates erlebt hatte: In den Hauptnachrichten fehlten gestern die Namen fast aller Redakteure und Cutter, die für die Einzelbeiträge verantwortlich zeichnen – aus Protest gegen die dreiste Vertuschung im Fall Lomnici.

Balázs Nagy-Navarro ist in den Hungerstreik getreten.

Deutlich weiter ging der Vorsitzende der freien Mediengewerkschaft TFSZ, Balázs Nagy-Navarro. Der TV-Journalist begann am Samstagnachmittag einen unbefristeten Hungerstreik vor dem Fernseh-Sendestudio. „Es kann so nicht weitergehen“, so Nagy-Navarro, der 2007 entlassen wurde, weil er eine ähnliche Direktive seiner Chefredaktion nicht befolgt hatte, sich aber später erfolgreich zurückklagte. „Jeder Redakteur kann fünf oder zehn solcher Stories erzählen“, sagt er, jeden Tag fänden beschämende Dinge statt. Er trete den Hungerstreik als Privatperson an,  bis die wahren Hintermänner der Fälschung identifiziert und genannt werden.

Besonders pikant ist, dass die erste interne Untersuchung vom Nachrichtenchef und letztlich Verantwortlichen dieser Retusche, Dániel Papp, geleitet wurde. Papp selbst hatte im April eine beispiellose Nachrichtenfälschung produziert und war daraufhin zum Chef der Hauptabteilung ernannt worden.  Obwohl die Sache herauskam und klar gegen das neue Mediengesetz verstößt, hat die Medienbehörde bislang nichts gegen Papp unternommen – angeblich aus Mangel an Hinweisen.

Dies ist seit zwei Wochen anders. Nagy-Navarro und mindestens sieben weitere Personen haben den Nachrichtenfälscher Papp schriftlich bei der ungarischen Medienaufsicht angezeigt – unter ihnen auch, auf Initiative des Blogs Pusztaranger, die Redaktion von Stargarten. Vor wenigen Tagen kam der Rückschein für das Einschreiben zurück. Nun wird sich zeigen, wie ernst die über allen Medien thronende oberste Aufseherin, Annamária Szalai,  ihren Job nimmt.

Nagy-Navarro will trotz Kälte und Entbehrungen weitermachen. Man hat ihn am Montag zum Dienst eingeteilt, aber vielleicht könne er sich auf sein Streikrecht berufen, sagt der Journalist. Inzwischen haben sich ihm zwei weitere Kollegen, Aranka Szávuly und Sándor Patakfalvi, angeschlossen.


Siehe auch UPDATE

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