Demonstration ohne Menschen

5.1.2011 – Habgierig soll er gewesen sein, bedingungslos loyal, ein Haudegen, Schönling und Günstling mit Hang zur Verschwendung – und es ist doch nicht von einem vulgär twitternder Fidesz-Politiker im Ungarn dieser Tage die Rede. Graf Grigori Alexandrowitsch Potjomkin lebte vor über zweihundert Jahren und grub sich in die ewige Erinnerung ein, weil er die Dorfkulissen Neurußlands für den Besuch der Kaiserin aufhübschte und ihr vortäuschte, was sie gerne sehen wollte.

Ähnliches geschieht auch heute beim ungarischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wenige Wochen nach der Lomnici-Affäre, bei der auf Retuschetechniken Stalins zurückgegriffen worden war, um einen missliebigen Richter im Bild verschwinden zu lassen, sah man in den Hauptnachrichten des vergangenen Montagabends Potjomkinsche Dörfer mitten in Budapest. Es war wie damals zum Wohlgefallen des Regenten, der über sein Land herrscht wie einst die russische Kaiserin.

Ungarns derzeitiger Regent Viktor Orbán saß derweil in einem plüschigen Sessel des Budapester Opernhauses. Das prachtvolle Gebäude im Neorenaissance-Stil war 1884 inmitten der Flaniermeile der Andrássy út errichtet worden und schien jetzt  gerade richtig, um die größte Errungenschaft der Orbánschen Politik zu zelebrieren: Vor Hunderten geladenen Gästen und unter Ausschluss der gesamten Presse wurde am Montagabend das neue Grundgesetz Ungarns gefeiert.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk übertrug das Geschehen exklusiv aus dem goldglänzenden Festspielhaus, wo die Reden von Staatspräsident Pál Schmitt, Ministerpräsident Viktor Orbán und klassische Musik erklangen. Kein Wort der Kritik, kein Wort des Nachdenkens über die weltweit heftig attackierte, in weiten Teilen völkisch und antiquiert gestrickte Verfassung des EU-Landes, die Orbán mit Zweidrittelmehrheit durch das Parlament paukte.

Draußen tobt derweil das Volk.  Rund hunderttausend Menschen versammeln sich an diesem kalten Montagabend, um gegen ebendiese Verfassung zu demonstrieren. Ein ganzes Prozent der Bevölkerung Ungarns steht links und rechts der Oper und skandiert. Drinnen hört man davon nichts, denn der Raum um die Oper ist abgeriegelt.

Punkt halb acht gehen die Abendnachrichten von M1 auf Sendung. István Gulyás, einst Moderator bei Hír-TV und Echo-TV, den rechten Privatsendern der Orbán-Freunde Gábor Széles und Lajos Simicska, ist der neue loyale Anchor der öffentlich-rechtlichen Hauptnachrichten. Er lobt zunächst die Eröffnung der Ausstellung „Helden, Könige und Heilige“, die nach den Worten Viktor Orbáns „unsere tausendjährige Kultur, die befreiende Kraft der Christianisierung, die Würde unserer Ahnen und die ritterliche Großzügigkeit gegenüber Fremden zu ihrem Recht verhilft.“

Kurz danach meldet sich die seltsam unfähige Außenreporterin Vanda Szondi live aus dem Opernhaus, um brav zu verkünden, dass alles gut läuft – bevor Gulyás die Demonstrationen erwähnt. Die gegnerischen Parteien hätten zu ihr aufgerufen, die Jobbik-Partei wiederum nicht, dafür aber extreme Gruppierungen, die gegen die Oppositionsparteien demonstrieren – ein Wirrwarr an Informationen, der damit überleitet, es hätten sogar Rangeleien stattgefunden.

Der Außenreporter friert vor Potjomkinscher Kulisse. ÉLÖ bedeutet LIVE

Und dann geschieht es. In der Liveschaltung zum Opernvorplatz sieht man den Reporter András Vígh in der Kälte frieren. Die Frage nach den Rangeleien scheint er nicht zu verstehen, stattdessen berichtet er hastig und oberflächlich über die Absperrungen der Polizei. Seltsam am Bild der Liveübertragung ist: Man sieht keinen einzigen Demonstranten – weder rangelnd, noch nicht rangelnd. Im Hintergrund fotografiert ein Rentner mit Pudelmütze die Polizei. Dann schwenkt die Kamera hektisch in die Runde, aber auch dort ist alles menschenleer. Ist die Demonstration etwa eine Finte des politischen Gegners?

Nur wenige Meter entfernt drängen sich die Demonstranten

Keineswegs, wie Bilder belegen, die zum selben Zeitpunkt von derselben Stelle gemacht wurden. Die Straße ist gefüllt mit Menschen, sie halten Protestplakate hoch, skandieren und schreien. Nur der Straßenabschnitt unmittelbar vor der Oper ist abgesperrt, damit die Galagäste ungestört anfahren können. Und genau diesen kaum zugänglichen Fleck hat sich der TV-Sender als Hintergrund gewählt, um die Demonstration zwar nicht verschweigen, aber zugleich nicht zeigen zu müssen – ein solches Potjomkinsches Panorama kann kein Zufall sein.

Dass die falsche Kulisse auffallen würde, dämmerte dann auch den Verantwortlichen der Nachtschicht im Sendezentrum. Für die Spätnachrichten wurde der Livereporter entfernt und durch Bilder der Demonstration ersetzt. Man sah Demonstranten, die sich gegenseitig anbrüllen, kleinere Menschengruppen und abgeschnittene Plakate.

Anderntags gab der öffentlich-rechtliche Apparat eine Pressemitteilung heraus, in der er sich erklärte. Das Kamerateam sei nicht rechtzeitig vor Ort eingetroffen und habe die richtige Einstellung nicht gefunden. Diese Pressemitteilung sollte die letzte Tat des MTVA-Pressechefs László Szabó gewesen sein. Szabó, der den Vertuschungsfall Lomnici so bedingungslos loyal verteidigte und auch danach versuchte, die Hungerstreikenden  vor dem Sendezentrum durch eine Hetzkampagne zu diskreditieren, wurde wenige Stunden nach der Operngala gefeuert. Trotz der richtigen Einstellung.

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